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Vorstoß gegen Medikamentenflut der Pharmaindustrie

PharmaindustrieDie Interessen der Krankenkassen und der Pharmaindustrie könnten konträrer nicht sein. Während erstere vor allem auf Kosteneinsparungen fokussiert sind, wollen letztere ihre Umsätze steigern. Das bedeutendste medizinische Gremium, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, bestimmt über die Prüfkriterien für neue Medikamente. Die Lobby der Pharmaindustrie ist deshalb äußerst interessiert daran, auf die Entscheidungen des Ausschusses Einfluss zu nehmen. Doch mit der jüngsten Festlegung neuer Prüfungsstandards wagt der Ausschuss einen Vorstoß in Richtung Kosteneinsparung, der die Industrie erheblich verunsichert.

Konkret geht es dabei um das Kosten- / Nutzenverhältnis neu entwickelter Medikamente im Vergleich zu Medikamenten, die bereits seit langem auf dem Markt sind und ihren Patentschutz verloren haben. Aus medizinischer Sicht sind die älteren Medikamente oftmals die besseren, da sowohl ihre Wirksamkeit als gerade auch die Nebenwirkungen hinreichend bekannt sind. Bei neuen Medikamenten hingegen liegen lediglich Testergebnisse aus der Entwicklungsphase vor. Tatsächlich relevante Nebenwirkungen werden zumeist erst im Laufe einer breiten Anwendung deutlich.

Das Problem der Pharmaindustrie besteht ironischerweise darin, dass gerade sehr gute und altbewährte Produkte immer weniger Geld einbringen, sobald deren Patentschutz ausläuft und günstigere Hersteller Produktkopien, sogenannte Generika, auf den Markt bringen. Die Pharmaindustrie greift daher selber sehr gern in die Trickkiste und entwickelt nur minimal veränderte Medikamente für die der Patentschutz dann erneut beginnt und die die früheren Produkte ablösen sollen. Wenn Ärzte und Apotheker hier mitziehen und verstärkt neuere Medikamente verschreiben bzw. empfehlen, entstehen den Krankenkassen hierdurch immense Mehrkosten.

Der Vorstoß des G-BA ist also durchaus begründet, berücksichtigt er doch stärker als bislang die Interessen der Patienten und Beitragszahler. Die strengeren Prüfungsverfahren sollen in erster Linie für häufig verschriebene Medikamentengruppen, mit denen Volksleiden wie chronische Schmerzen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Depressionen, Arthritis oder Osteoporose behandelt werden, Verwendung finden. Gerade bei der Behandlung solcher häufig chronischen Leiden ist der Erfahrungswert etablierter Medikamente von höchster Bedeutung.

Von Seiten der Pharmaindustrie wird dagegen argumentiert, dass solche vor allem auf Kosteneinsparungen abzielende Regelungen, die langwierige und kostspielige Entwicklung wirksamer neuer Medikamente behindere. Zudem verweist die Industrie darauf, dass von dem 20- jährigen Patentschutz nicht selten die Hälfte der Zeit auf die klinische Erprobungsphase entfalle, wodurch der ökonomische Nutzen für die Hersteller erheblich eingeschränkt würde. Nachdem kürzlich das oberste Indische Gericht den Patentschutz für Medikamente erheblich eingeschränkt und damit Generikaherstellern quasi eine Generalvollmacht erteilt hat, weht der Wind für die Pharmaindustrie nun auch auf dem heimischen Markt härter.

Bild: Harry Hautumm / pixelio.de