Ingenieur360

Ortswechsel für die Arbeit – Chance oder Schikane?

Alles lief gut für Thomas A. Gerade erst war sein erstes Kind zur Welt gekommen, er genoss das Privileg eines wunderbaren und großen Freundeskreises und auch in seinem Job als Vertriebsingenieur in einer leitenden Position eines global agierenden Unternehmens kletterte er die Karriereleiter kontinuierlich nach oben.

Würfel im TreppenhausDoch dann kam dieser Tag, an dem er in das Büro seines Vorgesetzten bestellt wurde. Dort eröffnete man ihm, dass die Firma nach Osteuropa expandiere und man ihn dabei mit einer Beförderung bedacht hatte. Wie nebenbei wurde im Gespräch erwähnt, dass die neue Niederlassung, deren Leitung Thomas A. übernehmen sollte, sich im Ausland, genauer gesagt in Moskau, befand. Dort solle er zwei Jahre lang für einen reibungslosen Geschäftsstart sorgen und die Marke vor Ort festigen. Eine angemessene Gehaltserhöhung sowie weitere Aufstiegschancen seien natürlich Teil des Deals. In einigen Monaten solle es bereits losgehen – Glückwünsche seien für diese einmalige Chance angebracht.

Es folgen schlaflose Nächte und lange Diskussionen innerhalb der Familie. Mit Moskau hatten weder Thomas A. noch seine Frau irgendwas am Hut. Auch die Landessprache war ihnen völlig unbekannt. Auf der anderen Seite war das neue Gehaltsangebot lukrativ, das Projekt spannend und der Auslandsaufenthalt zunächst auf zwei Jahre befristet. Am Ende entschied sich die junge Familie dafür, diesen großen Schritt gemeinsam zu wagen.

Nicht alle Träume werden wahr

Zwei Monate später waren die Sachen gepackt und die Flugtickets gebucht. Die Probleme ließen allerdings nicht lange auf sich warten. Bereits bei der Besichtigung der neuen Wohnung wurde klar, dass hier Abstriche gemacht werden mussten. Doch Thomas K. blieb nicht viel Zeit sich mit der neuen Wohnsituation zu arrangieren, denn das Projekt beanspruchte ihn vom ersten Arbeitstag an rund um die Uhr – es gab viel zu lernen, wichtige Weichen mussten gestellt werden. Obwohl Thomas K. ein Experte auf seinem Gebiet war, fiel es ihm schwer mit dem Personal klar zu kommen. Da war nicht nur die Sprachbarriere, die der Dolmetscher nur teilweise zu überbrücken half – auch die kulturelle Mentalität seiner neuen Untergebenen war ihm fremd. Der Fortschritt ging nur zäh voran, obwohl Thomas K. seine gesamte Zeit im Büro verbrachte.

Im Unternehmen wurden die CEOs langsam ungeduldig und auch zuhause fühlte sich seine Frau mit dem kleinen Kind isoliert und einsam. Diese Doppelbelastung übte starken Druck auf Thomas K. aus und zusätzlich zu den landeseigenen Schwierigkeiten fing er an stressbedingte Fehler zu machen. Dazu kam die Tatsache, dass die Gehaltsbeförderung angesichts der Moskauer Preise deutlich geringer ausfiel, als es in Deutschland auf dem Papier noch den Eindruck machte. Nach rund einem Jahr zog das Unternehmen die Notbremse und bestellte Thomas K. wieder zurück. Seitdem wurde er auf das unternehmerische Abstellgleis gestellt – seine vielversprechenden Karriere-Perspektiven waren dahin, seine Ehe hatte einen tiefen Knacks zu verkraften und seine finanzielle Situation sah ebenfalls nicht erfreulich aus. Dazu kam, dass ich die Familie durch die längere Abwesenheit von ihrem Freundeskreis entfremdet hatte und sich nun auch zuhause isoliert fühlte.

Wann lohnt sich ein Umzug für den Job?

Diese Geschichte schildert zwar so ziemlich den Worst-Case, kommt in der Realität jedoch durchaus in ähnlicher Form vor und wirft die entscheidenden Fragen auf: Wie mobil und flexibel sollte man für seine Arbeit sein? Welche Gefahren verbergen sich hinter diesem Arbeitsstil? Ist meine Familie bereit mit mir diesen Schritt zu gehen? Komme ich mit dem neuen Arbeitsort überhaupt klar? Lohnt sich der ganze Aufwand – von der Wohnungssuche übers Kisten packen bis zu Kleinigkeiten wie Umzugskarten verschicken – finanziell?

Die heutige Gesellschaft ist zweifelsohne die reiselustigste in der gesamten Geschichte der Menschheit. Durch moderne Transportwege und das Internet sind die Entfernungen weltweit geschrumpft, günstige Flüge erlauben es einem innerhalb kürzester Zeit so ziemlich überall hinzukommen. Diese gesellschaftlichen Möglichkeiten der Globalisierung spiegeln sich natürlich auch im zeitgenössischen Arbeitsmarkt wieder. Man wird lange nach größeren Unternehmen suchen, die nicht global agieren und entsprechend von ihrem Personal erwarten auch mal außerhalb des heimischen Firmensitzes tätig zu sein. Und tatsächlich sind viele Fachkräfte dazu bereit, für ihren Job umzuziehen – 72 %, um genau zu sein (Quelle: Stepstone).

Es muss nicht immer gleich ein Wohnortwechsel sein

Oftmals mach ein Umzug auch durchaus Sinn. Wenn in einem (Bundes)Land Fachkräftemangel besteht und man dort einfach viel bessere Karrierechancen hat. Dabei muss es auch nicht, wie in unserem Beispiel, zu dem vollen Programm kommen, Pendeln kann durchaus eine Alternative sein. Ob täglich oder nur am Wochenende – es gibt diverse Modelle die für viele Arbeitsnehmer durchaus funktionieren. So wäre eine Geschäftswohnung (wenn die Firma die Finanzielle Last denn (mit)trägt) für die Woche eine sinnvolle Option, bei der man die Wochenenden in der Heimat verbringen kann. Hierbei kann man den zweiten Haushalt am Arbeitsort auch steuermindernd geltend machen. Dies gilt zum Teil übrigens auch für die Kosten, die durch das Pendeln entstehen. Auch Home-Office kann eine Alternative sein, bei der man vielleicht nicht jeden Tag zum weit gelegenen Arbeitsort pendeln kann. Es gibt diverse Modelle, die man einfach mit seinem Arbeitgeber besprechen sollte. In den meisten Fällen findet sich eine passende Lösung. Ist dies nicht der Fall, sollte man sich tatsächlich ganz genau überlegen, ob man die neue Stelle unbedingt annehmen will.