Ingenieur360

Neubau oder restaurieren?

Die eigenen vier Wände sind etwas Besonderes. Aber wie soll das Domizil aussehen? Ganz neu oder lieber nur erneuert?

FassadeAlte Gebäude haben oft ihren unverwechselbaren Charme, auch wenn sie nicht unter Denkmalschutz stehen. Mit fortschreitender Technik und Erfahrung mit Restaurationen wird es einfacher, das architektonische Schmuckstück energiesparend und mit baubiologisch empfehlenswerten Materialien ins 21. Jahrhundert zu holen.

Dabei kommt es allerdings auch auf den Umfang und das erforderliche Budget an. Eine Faustregel ist, nur dort zu sparen, wo sich gegebenenfalls schnell nachbessern lässt.

Was das Material angeht, gibt es immer mehr Auswahl. Isolierfenster in verschiedenen Stilen, die optisch den alten Einfachverglasungen aus diversen Epochen entsprechen, Dachpfannen in alter Form aus neuem Material, Dämmstoffe zum Einspritzen – die Liste ist lang.

Restaurieren heißt nicht, dass alles beim Alten bleiben muss. Ein paar moderne Akzente lassen sich oftmals überraschend gut mit der historischen Fassade oder auch innen verbinden.

Ein Beispiel dafür ist das seit rund 150 Jahren für sein Casino international renommiertes Kurhaus Baden-Baden.

Die Stadt im Schwarzwald war als Heilbad schon im frühen 19. Jahrhundert Anziehungspunkt für Europas Elite. Die feinen Herrschaften kurten, tanzten – und spielten, zuerst in besseren Wirtshäusern, dann, ab 1823 im von einem Säulenportal umrahmten Kurhaus. Speiseräume, Wandelgänge, Theater und ein großer Saal samt Statuen, diskreten Nischen, Tanzfläche und Spieltischen bot diskretes und weniger diskretes Freizeitvergnügen.

Heute wie damals ist das Kurhaus dank stilvoller Restaurierung und Modernisierung ein echtes Juwel in der Schwarzwaldstadt, die sich für einen Wochenendurlaub auch außerhalb der Konzert- und Ballsaion lohnt.

Noch deutlich stärker wurde die Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden verändert. Krieg und DDR-Herrschaft hatten so manchen Teil des wilhelminischen Komplexes unwiderruflich zerstört. Seit 2004 wird die Staatsbibliothek Stück für Stück renoviert. Wo einst eine Bombe ins Kuppeldach eingeschlagen war, ragt jetzt ein moderner Lesesaal aus Glas hervor. Die alte Freitreppe ist wieder sichtbar, und im Roten Salon imponiert die hohe Kassettendecke mit Akzenten in Rot, Gold und Grün.

Die Fassade aus schlesischem Sandstein ist vom Schmutz der Jahrzehnte befreit und der ganze Komplex überhaupt steckt voll neuem Leben.

Diskret, aber nachhaltig restauriert ist das Gärtnerplatztheater in München. Vieles werden die Theaterbesucher nicht sehen, sondern nur spüren: Das architektonische Schmuckstück hat unter anderem eine moderne Belüftungsanlage bekommen, so dass sich je nach Aufführung gesünder lachen oder der Atem anhalten lässt.

Einen neuen Zweck erfüllt die Zeche Carl in Essen. Das einstige Steinkohlebergwerk steht heute unter Denkmalschutz und ist zum Kulturzentrum umgewandelt worden. Workshops und Kurse, Konzerte, Theater, Ausstellungen und Flohmärkten sorgen dafür, dass in der stillgelegten Zeche weiterhin Leben herrscht.

Eines haben all diese Gebäude gemeinsam, egal, ob große oder kleine Restaurierungen erforderlich waren: Sie alle haben ihren besonderen Reiz bewahren können und werden auch künftige Generationen erfreuen. Und das ist schließlich der Sinn und Zweck eines jeden Gebäudes, ob alt oder neu – Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit. Wenn dann noch Stil und Charakter hinzukommen, erfreut das Ergebnis nicht nur den Bewohner.