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Automation erfordert Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik

Automation, also die Automatisierung von Arbeitsprozessen, ist eines der wichtigsten Themen in nahezu sämtlichen Industriezweigen. Denn vor allem die hierdurch erwirkte Produktivitätssteigerung sichert die Zukunft der Unternehmen.

Doch die bislang oft und gerne von Arbeitgebern und Politikern ausgegebene Losung, dass sie auch Arbeitsplätze sichere, scheint nicht der Realität zu entsprechen.

Das ist zumindest das Ergebnis einer Analyse des Centers Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen, die sich auf die Automobilherstellung als eine der am stärksten automatisierten Branchen bezieht.
Gegenüber vdi-nachrichten.com erklärt CAR-Direktor Ferdinand Dudenhöffer, das trotz einer deutlichen Produktionssteigerung von 2000 bis 2011 die Beschäftigtenzahl gesunken sei.
Die Anzahl in der Bundesrepublik produzierter Fahrzeuge stieg demnach von 5,5 Mio. Stück in 2000 auf 6,3 Mio. Stück in 2011. Die Anzahl der beschäftigten Mitarbeiter verringerte sich dagegen von 765.000 in 2000 auf 719.000 in 2011.

Diese Zahlen scheinen auf den ersten Blick allen Kritikern fortschreitender Automation darin Recht zu geben, dass diese Arbeitsplätze vernichte.
Dass sich das Thema Automation jedoch nicht auf so eine einfache Formel bringen lässt, zeigt die Gegenüberstellung von Produktivitätsentwicklung und Beschäftigtenzahl. Während in 2000 jeder der 765.000 Mitarbeiter durchschnittlich 7,2 Fahrzeuge produzierte, brachte es von den 719.000 Mitarbeitern in 2011 jeder auf durchschnittlich 8,8 Fahrzeuge.

Diese Produktivitätssteigerung hat bedeutend zur positiven Entwicklung der Automobilbranche beigetragen und somit indirekt tatsächlich Arbeitsplätze gesichert.
Dudenhöffer rechnet vor, dass in 2011 nur noch 630.382 Mitarbeiter nötig gewesen wären, um die Stückzahl von 5,5 Mio. Fahrzeugen zu produzieren.
Im Gegenzug wären allerdings bei gleichbleibender Produktivitätsrate von 7,2 Fahrzeugen pro Jahr und Mitarbeiter in 2011 875.556 Mitarbeiter nötig gewesen, um die erhöhte Stückzahl von 6,3 Mio. Fahrzeugen herzustellen.

Somit ist die Automation in Hinblick Beschäftigtenzahl Segen und Fluch zugleich. Ohne sie werden mehr Arbeitskräfte benötigt, um höhere Stückzahlen zu produzieren, mit ihr steigt jedoch die Produktivität, wodurch Unternehmen bessere Wettbewerbspositionen erzielen und somit langfristig Arbeitsplätze sichern.

Für die Automobilbranche sieht Dudenhöffer zukünftig allerdings eine negative Entwicklung der Beschäftigtenzahl vorher. Bei einer angenommenen Produktivitätssteigerung auf 10 Fahrzeuge pro Jahr und Mitarbeiter und einer prognostizierten Stückzahl von 6,4 Mio. gefertigter Fahrzeuge in 2020 wären nur noch 640.000 Mitarbeiter in der Branche nötig.

Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, erläutert den Arbeitsmarkteffekt der Automation anhand Einsparung und Nachfrage. Sei der Einspareffekt höher als der Nachfrageeffekt, so habe dies mit hoher Wahrscheinlichkeit Arbeitsplatzabbau zur Folge. Umgekehrt würden Arbeitsplätze geschaffen.
Ersteres Szenario findet sich zumeist bei bekannten Produkten mit hoher Marktsättigung, wie etwa Haushaltselektronik.
Neue Produkte mit geringer Marktsättigung würden dagegen durch Automation günstiger und entwickeln sich hierdurch erst zu Massengütern, was ein Plus an Arbeitsplätzen bedeute.

Für die Arbeitsmarktpolitik bedeuten diese Erkenntnisse nach Ansicht der Experten, dass stärker auf Innovation gesetzt werden müsse, wobei der Staat gerade junge Unternehmer und Entwickler fördern sollte, anstatt öffentliche Gelder in lobbystarke Branchen umzuleiten.
Als geradezu illusorisch bewerten sie dagegen den politischen Anspruch, Arbeitslosigkeit durch Wirtschaftswachstum abbauen zu wollen. Vielmehr müsse die durchschnittliche Arbeitszeit gesenkt werden, um mehr Menschen bei gesteigerter Produktivität beschäftigen zu können.

Doch diese Forderung steht der Realität der Arbeitsmarktpolitik diametral gegenüber und bedeutet eine grundsätzliche Neuausrichtung arbeitsmarktpolitischer Instrumente.