Ingenieur360

Fokus: Ingenieurmangel in Deutschland

Ingenieurmangel EngpassDer Ingenieurmangel ist bereits seit Jahren ein aktuelles Thema des deutschen Arbeitsmarktes. VDI-Direktor Willi Fuchs sprach noch im Jahr 2009 von 34.000 unbesetzten Stellen in deutschen Unternehmen, die sich auch bis zum heutigen Tag nicht besetzen lassen haben. Der Mangel hat eine Reihe von Ursachen, doch eine reelle Lösung scheint noch nicht gefunden worden zu sein – trotz aller Bemühungen.

Das Studium: Schwer, langwierig und anspruchsvoll

Ingenieur werden kann nicht jeder. Studierende werden aber trotzdem händeringend gesucht. Man verspricht ihnen exzellente Aussichten auf hoch bezahlte Jobs, interessante Arbeit und persönlichen Wohlstand. Doch das alles reicht nicht, wenn es darum geht, im Alltag an der Hochschule zu bestehen. Das Fach Ingenieurwissenschaft gibt es fast überall und an jeder deutschen Hochschule. Das Studium selbst ist jedoch sehr mathematisch und technisch, damit kommt nicht jeder mit. Wer womöglich noch in der Schule ein Mathe-Ass war, kann bereits im Studium versagen, denn es werden komplett andere Methoden herangezogen und die Mathematik ist komplex. Der technische Bereich bereitet auch oft Probleme – manche Studierende bemerken, dass sie einfach nicht schnell genug das erforderliche Verständnis entwickeln. Ähnlich wie in vielen technischen Studiengängen wechseln werdende Ingenieure daher besonders häufig den Studiengang oder gehen gar ganz von der Hochschule ab, sodass der Ingenieurmangel weiterhin ein Problem bleibt.

Studienanfänger Ingenieurwissenschaften

Die Arbeitsplätze: Realität oder frommer Wunsch?

Dass freie Arbeitsplätze für Ingenieure in rauen Mengen zur Verfügung stehen, ist nicht strittig. Das belegen jedes Jahr Zahlen mit der latenten Drohung, dass schon bald der allgemeine Wohlstand darunter leiden wird. Doch wer das harte Studium besteht und frisch gebackener Ingenieur ist, findet trotz alledem vielleicht trotzdem keinen guten Arbeitsplatz. Die Anforderungen der Unternehmen sind nach wie vor sehr hoch. Sie erwarten beispielsweise Arbeitserfahrung, was auch durchaus sinnvoll ist – und gerade die haben Absolventen schlichtweg noch nicht. Dazu kommen Bewerber aus dem Ausland, die in Deutschland ihre Chancen wittern. Wenn sie bessere Voraussetzungen mitbringen, merken junge Ingenieure deutscher Herkunft schnell, dass sie sich nicht nur gegen die Mitbewerber aus dem eigenen Land durchsetzen müssen und die Globalisierung auch hier ihre Chancen wittert. Wer einen Arbeitsplatz will, muss also nicht nur bestehen, sondern auch gut sein.

Studie aus dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln:Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ingenieure bundesweit lag im 01/2005 bei 63.901. Im 08/2011 waren nur noch 24.299 Ingenieure arbeitslos gemeldet. Das bedeutet einen Rückgang um fast 70%. Die offenen Stellen sind im gleichen Zeitraum um ca. 97% angestiegen. Die Ingenieurlücke bzw. der Ingenieurbedarf stieg von 01/2005 von ca. 21.000 auf bis zu ca. 66.000 im 07/2007 an und erreichte im 01/2010 in etwa wieder den Ausgangswert von 01/2005 (ca. 21.000). Also trotz wirtschaftlicher Krise bestand eine immense Nachfrage nach Ingenieuren. Von 01/2010 bis 08/2011 steigt die Ingenieurlücke bundesweit wieder kontinuierlich an und erreicht im August 2011 einen absoluten Spitzenwert von über 76.000. Die nachfolgende Grafik verdeutlicht diesen Sachverhalt:
Ingenieurbedarf 2011

Hohe Erwartungen auf beiden Seiten

Wer ein anstrengendes Studium hinter sich gebracht hat, erwartet vom Arbeitgeber viel. Das gilt erst recht für die Crème de la crème unter den Absolventen, die womöglich einen Einserschnitt oder gar ihren Doktortitel erworben haben. Diese Erwartungen sind verständlich – gerade, wenn es im Ingenieure geht. Allerdings haben die Unternehmen genauso hohe Anforderungen, die die verfügbaren Absolventen oft gar nicht mitbringen. Arbeitserfahrung, persönliche Eignung und Motivation sind vielleicht noch selbstverständlich, doch viele Posten sind einfach zu schlecht bezahlt, als dass ein Ingenieur mit Hochschulabschluss sie begeistert annehmen würde. Die Erwartungen decken sich gegenseitig nicht, sodass ein Lösungsansatz darin bestünde, dass beide Seiten realistischer werden und eine gemeinsame Lösung finden. Absolventen müssen ihre Vorstellungen vom Job anpassen; Unternehmen müssen einsehen, dass das Studium fordernd ist und der Absolvent viel von den späteren Möglichkeiten erwartet. Wenn die Stellen besetzt werden sollen, dann müssen beide Seiten radikal umdenken und anfangen, realistische Vorstellungen, Hoffnungen und Anforderungen zu entwickeln.

Weitere Informationen: Der Artikel „Ingenieurwesen in Deutschland“ beschäftigt sich ebenfalls mit der Ingenieursbranche.